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Zuhören ist Gold

Zuhören ist Gold

Wie in der vergangenen Woche versprochen, bekommst du heute ein Märchen, das ich mit ausgewürfelten „Zutaten“ aus einem „Märchenbaukasten“ geschrieben habe.

Diese Wörter musste ich verwenden:

  • Einem reichen Manne wurde …,
  • Stieftochter,
  • Hündchen,
  • Rüttel dich und schüttel dich …,
  • schwärzliches Zauberpulver.

 

Und das ist dabei herausgekommen:

Zuhören ist Gold

Einem reichen Manne wurde einst von der weisen Frau des Dorfes aus der Hand gelesen. Die Prophezeiung indes wollte ihm nicht so recht gefallen. „Habe ich recht verstanden? Ein Hündchen?“, rief er und fühlte sich unverwundbar. „Ein Hündchen soll mein Ruin sein? Was soll mir ein so kleines Tier schon anhaben können?“

Und da er sich nicht gerne ans Bein pinkeln ließ, lachte er die Frau aus und erzählte anschließend grausige Geschichten über sie. Nachts würde sie mit dem Besen über die Dächer fliegen und das Vieh vergiften, berichtete er, und wer ihr in die Augen sähe, würde blind.

Die Dörfler wollten dem reichen Mann glauben, schließlich sorgte er bei vielen für Lohn und Brot. Niemand suchte die weise Frau mehr auf und als kurz darauf ihr zweiter Mann von einem Stier totgetrampelt wurde, stand sie alleine mit ihrer Stieftochter da und die beiden mussten von der Hand in den Mund leben.

Der reiche Mann vergaß die Weissagung sogleich wieder. Er lebte wie die Made im Speck, aß Wachteleier und Goldfasane, Feigen, Datteln und Mäuseschinken.

Seine Handelsgeschäfte gingen gut und als er in einem fernen Land eine Fürstentochter erblickte mit Augen, glänzend wie der Morgenstern, Haaren, schimmernd wie Atlasseide, und einer Haut, so zart wie ein Weinbergpfirsich, verlor er sein Herz und führte sie – mitsamt ihrer Mitgift – heim.

Er hütete seine Angetraute wie einen Schatz. Nur verborgen hinter einem Schleier aus Brüsseler Spitze durfte sie das Haus verlassen, niemand außer ihm durfte ihr Antlitz erblicken.

Sie weinte oft und bat ihn um Gesellschaft, doch er hatte zu tun, und auch ein Kind wollte sich nicht einstellen.

Da bat sie eines Tages: „Lieber Gemahl, bitte, schenkt mir doch ein Hündchen, einen niedlichen kleinen Gefährten, der mir treu ergeben das Warten auf Euch versüßt.“


Der Hausherr zuckte zusammen. Ein Hündchen? Der Schreck fuhr ihm in die Knochen. Was hatte diese verrückte Frau damals gesagt? Ein Hündchen würde sein Ruin werden?
„Nein, kommt gar nicht in Frage, die machen nur Dreck und Arbeit und sie stinken,“ antwortete er und wedelte ihre Bitte mit der Hand davon wie eine lästige Fliege.

Doch seine Frau wollte noch nicht aufgeben. Als ihr Ehemann wieder einmal auf Reisen war, wies sie ihre Zofe an, ein Hündchen zu besorgen. Dann sammelte sie im Garten Kräuter und Gewürze und schmorte sie zu einem schwärzlichen Zauberpulver zusammen, wie sie es von ihrer Amme gelernt hatte. Dieses Pulver über das Hündchen gestreut, würde es in einen todesähnlichen Schlaf fallen lassen, so dass sie es in einem Körbchen im Schrank verstecken konnte, während ihr Gemahl zuhause weilte. Wenn er wieder aufbrach, würde sie ihren kleinen Freund – Schwupps – mit dem blassgrünen Gegenmittel auferwecken.

Gedacht, getan. Die Frau liebte das Hündchen und führte es in der Morgen- und Abenddämmerung spazieren, wann immer sie unbemerkt das Haus verlassen konnte.

Bei einem ihrer Ausflüge lernte sie eine kluge junge Frau kennen. Es war die Stieftochter der weisen Frau, die der reiche Mann einst verleumdet und in die Armut getrieben hatte. Sie hatte ihre Stiefmutter schon vor einigen Jahren begraben müssen und hatte mit den Tieren im Wald gelebt. Doch sie hegte keinen Groll gegen die Gemahlin des Mannes. Nein, die beiden fassten sogar eine innige Zuneigung zueinander.

Gemeinsam streiften sie durch die Wiesen und Wälder, um Kräuter zu sammeln, Gedanken und Gefühle auszutauschen. Immer dabei war das Hündchen, das ihnen um die Beine sprang und um Aufmerksamkeit buhlte, die sie ihm gerne gaben.

Eines Tages kam der Mann überraschend von einer Reise zurück, als seine Gemahlin im Wald weilte. Als sie seine Kutsche vor dem Haus erblickte, musste sie schnell handeln. Sie fasste in ihren Pulverbeutel und zog eine Prise von dem schwärzlichen Pulver heraus. In diesem Moment kam ein Windstoß und blies ihr das Pulver ins Gesicht. Sofort stürzte sie leblos zu Boden. Das Hündchen bellte laut und kratzte an der Haustür.

Als der Mann den Lärm hörte kam er heraus, um es zu verjagen. Da sah er seine Frau liegen. Kein Atem schien mehr aus ihrem Mund zu fließen. Er begann, das Hündchen zu treten.

„Du allein bist schuld,“ schrie er es an. „Dein Fluch ist mein Ruin. Wie soll ich ohne meine geliebte Ehefrau nur leben?“
Er schnappte sich das Hündchen und brüllte es an: „Ich rüttel dich und schüttel dich, bis dein Genick bricht. Ich rüttel dich und schüttel dich, bis du so tot bist, wie meine Gemahlin dort auf der Erde.“

„Haltet ein“, hörte er plötzlich eine Stimme und ließ mit seinem Geschüttel und Gerüttel nach. „Ich kann Euch helfen, guter Mann“, sagte die Stieftochter der weisen Frau und trat heran. Sie hatte das Geschehen hinter einem Busch verborgen beobachtet, wie sie immer die Schritte ihrer Vertrauten beschützte. Mit einem Griff brachte sie das blassgrüne Gegenmittel zutage, beugte sich hinab, murmelte ein paar geheime Worte und ließ das Pulver fliegen. Sofort schlug die Leblose die Augen auf. Doch wie erschrak sie, als sie das fiepende Hündchen in den Händen ihres Mannes erblickte.

Die Stieftochter wusste auch hier zu helfen. „Bitte, mein Herr, gebt mir mein Hündchen zurück. Es ist mir eben entlaufen und kann nichts für Eure Misere. Es muss die Hitze gewesen sein, die Eure Frau in die Ohnmacht getrieben hat.“
„Wie könnte ich Euch einen Wunsch abschlagen, gute Frau, wo Ihr doch meinen Augenstern von den Toten zurückgeholt habt.“ Er reichte ihr das Hündchen und wandte sich zu seinem Diener zu. „Gib dem Fräulein zwei Silbermünzen“, wies er ihn barsch an, zog seine Frau aus dem Staub und begleitete sie hinein.

„Bring mir einen Gockel, ich habe Hunger von der Reise“, rief er unterwegs noch in die Küche und ließ sich in seinen Sessel fallen.

Seine Gemahlin ging in ihr Zimmer, machte sich frisch und zog sich um. Aus ihrem Fenster konnte sie ihre Freundin mit dem Hündchen im Kirschbaum sitzen und winken sehen. Glück gehabt.

„Mein Herr, den Gockel hat der Fuchs geholt“, nuschelte die Köchin, als sie wenig später das Essen auftrug. „Aber ich habe heute Morgen ein Hühnchen geschlachtet und gebraten.“
„Ist doch egal, ob Männlein oder Weiblein“, murmelte der Hausherr. „Hauptsache gut gewürzt.“

Er griff sich eine Keule und schlug seine Zähne hinein. Keine zehn Sekunden später steckte ein Knöchelchen in seiner Kehle fest. Er fasste sich an den Hals, röchelte und kippte vom Stuhl. Niemand sah ihn sterben.

„Das Hühnchen ist ihm zum Verhängnis geworden“, berichtete die frischgebackene Witwe ihrer Freundin kurz darauf.
„Wie es die Prophezeiung gesagt hat,“ antwortete diese.
„Welche Prophezeiung?“, fragte die Witwe.
„Meine Mutter hat ihm vorhergesagt, dass ein Hühnchen sein Ruin sein wird. Er hat nicht richtig zugehört, wie es reiche Männer manchmal tun, und hat Hündchen verstanden. Deshalb wollte er auch nie, dass du eines bekommst.“

Da lächelte die Witwe fein, ließ ihr Antlitz leuchten und küsste ihre neue Gefährtin.

Und wenn sie nicht gestorben sind, streifen sie heute noch mit ihrem Hündchen durch den Wald und sammeln Beeren und Kräuter.

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